Othmar Pferschy : Fotograf der jungen türkischen Republik

Im Februar wurde im neuen Istanbul Modern Museum eine Ausstellung eröffnet, die einem ehemals sehr bekannten, heute leider weithin vergessenen Österreicher gewidmet ist.

Othmar Pferschy hatte die junge türkische Republik und die Menschen dieses Landes mit seinen Fotografien der Welt näher gebracht. Die in der Südtürkei lebende Tochter von O. Pferschy, Astrid von Schell, hatte das Archiv ihres Vaters dem Museum für Moderne Kunst Istanbul übergeben. Sie wollte damit ein Versprechen wahr machen, dass sie den Namen ihres Vaters in der Türkei lebendig halten würde.

Der Fotograf „Othmar“ war dem St. Georgs-Kolleg durch viele Jahrzehnte verbunden. In den 50er Jahren waren seine drei Kinder Schüler unserer Schule, er hatte auch in den 60er Jahren an der Organisation der damaligen Österreicher-Bälle regen Anteil und besuchte noch kurze Zeit vor seinem Tod 1984 unser Kolleg. So möchten wir auch mit diesen Zeilen uns dem Anliegen seiner Tochter anschließen.

Galata Brücke

Wer war Othmar Pferschy?

Othmar Pferschy wurde am 16. Oktober 1898 in Graz geboren und verbrachte seine Kindheit im steirischen Fürstenfeld. Neben seinem Interesse für Buchhaltung und Theater entwickelte sich immer stärker die Liebe zur Fotografie, wofür er in den frühen 20er Jahren in Wien bei Anton Pöpperl und dann in Magdeburg bei Robert Fendius sowie in Friedrichshafen bei Bockelmann und in Salzburg bei Otto Porov seine Ausbildung erhielt.

Am 9. Oktober 1926 reiste er nach Istanbul und begann hier beim berühmten Inhaber des Studios Foto Français, Jean Weinberg, zu arbeiten. Im Juli 1931 konnte er dann in Beyoğlu sich ein eigenes Studio eröffnen. Allerdings trat am 11. Juni 1932 das Gesetz 2007 in Kraft, das viele Berufe, darunter auch den des Fotografen, auf Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft beschränkte. So entschloss sich Pferschy, nach Alexandrien in Ägypten zu emigrieren.

Fotograf der kemalistischen Türkei

Allerdings hatte damals bereits der verantwortliche Generaldirektor des Staatsverlags in Ankara, Vedat Nedim Tör, von ihm gehört. Er war von seinen Fotografien beeindruckt und beauftragte ihn, als „Fachfotograf der kemalistischen Türkei“ zwischen den Jahren 1935 und 1940 für den dem türkischen Innenministerium unterstellten Staatsverlag zu arbeiten.

In mühevoller, monatelanger Arbeit bereiste er die ganze Türkei. Als Ergebnis erschien 1936 sein Fotoalbum „Fotoğrafla Türkiye“ (Die Türkei im Bild) mit Erläuterungen in türkischer, französischer, englischer und deutscher Sprache. Seine Fotos wurden auch für Briefmarken, Postkarten, Papiergeld, Bücher, Broschüren, Kalender und viele andere Materialien eingesetzt. Ausstellungen wurden in Bukarest, Belgrad, Athen und Montreux abgehalten.

Im Vorwort des Buches hieß es damals: „Von den moralischen und materiellen Leistungen, welche die kâmalistische Republik seit den 13 Jahren, die sie am Werk ist, für sich buchen kann, gibt die folgende Auswahl an Photographien ein Bild. Von Zeit zu Zeit sieht man als Illustrationen zu Abhandlungen über die Türkei Stiche veröffentlicht, die zum größten Teil aus dem Ende des Reiches datieren und eine völlig unverdiente Verleumdung der Republik  darstellen. Dieses Album wird bis zu einem gewissen Grad eine Vorstellung von den Zügen der neuen Türkei geben können. Man sieht hier neben alten historischen Denkmälern die Etappen ihres Marsches auf dem Wege des Fortschrittes und der Entwicklung, den Ausdruck ihres aufbauenden Willens und ihres Dynamismus.“

In dieser Zeit heiratete er auch die türkische Staatsbürgerin Evangelia Semiri. Seine Tochter Astrid wurde 1937, die Zwillinge Walter und Ralph 1939 geboren. Inzwischen war der Österreicher allerdings zwangsweise Deutscher geworden und wurde in die Wehrmacht eingezogen. Er musste deshalb 1940 in das damalige Deutsche Reich zurückkehren und war bis zum Kriegsende als Militärfotograf unter anderem in Norwegen eingesetzt. 1947 konnte er erneut als Österreicher in die Türkei zurückkehren.

Es ruft die Jugend

Als Fremder in der “Zweiten Heimat”

Er hatte schon 1940 um die türkische Staatsbürgerschaft angesucht, was aber damals in der Kriegszeit abgelehnt wurde. Mit verschiedenen Hilfskonstruktionen war Herr Pferschy nun erneut in Istanbul als Fotograf tätig. Viele ältere Istanbuler erinnern sich noch an diese bekannten „Othmar“–Karten. Allerdings rief sein Ruhm auch Neider auf den Plan. Im ominösen Jahr 1955 erhielt er von sog. Berufskollegen Drohbriefe und wurde wegen verbotener Berufsausübung angezeigt. Seine damalige Stellungnahme ist bis heute bewegend:

Ich habe ohne Rücksicht auf meine Gesundheit gearbeitet und bei meinen Reisen in Anatolien des Öfteren mein Leben aufs Spiel gesetzt, indem ich bis zur totalen Erschöpfung meiner Kräfte arbeitete. Mit eisernem Willen begann ich monatelang schon beim ersten Tageslicht zu arbeiten; um gute Aufnahmen mitbringen zu können, musste ich manchmal trotz unerträglicher Hitze 80-100 Mal am Tag das Stativ aufstellen. Wochenlang musste ich täglich 300-400 km – und das bei den schlechten Straßenverhältnissen in Anatolien - zurücklegen, bis dann an meinem Rücken eine riesige Eiterung entstand, die in Izmir operiert werden musste. Oft musste ich trotz Krankheit und Fieber weiter arbeiten. All das müsst ihr bedenken, bevor ihr euch berechtigt fühlt, einen Menschen wie mich zu kränken. Es stimmt, dass die Regierung mich gut bezahlt hat, aber diese Arbeit ist nicht mit Geld zu messen und kann nur mit dem idealistischen Vorsatz, ein nützlicher Mensch zu sein, durchgeführt werden.“

Im Handelslyzeum Ankara

Leider wurde ihm aber in der Folge die Tätigkeit als Fotograf immer mehr eingeschränkt, und er durfte auch nicht mehr außerhalb von Istanbul in Anatolien arbeiten. So verließ er im Jahr 1969 still die von ihm immer als „zweite Heimat“ bezeichnete Türkei. Am 23. April 1984 verstarb Othmar Pferschy in München. Seine Tochter Astrid von Schell lebt als türkische Staatbürgerin weiterhin in der Türkei. Sie übergab nun 1714 Negative und 1293 gedruckte Fotografien der Fotografischen Abteilung des Istanbuler Museums für Moderne Kunst in Karaköy. 160 dieser Arbeiten sind bis 14. Mai 2006 in der Fotogalerie des Istanbul Modern Museums zu sehen.

FK