Die Vielfalt der Kirchen in Istanbul
In Istanbul gibt es zur Zeit 14 sehr unterschiedliche Kirchen. Der historische Ursprung und die heutige Kirchensituation soll in zwei Beiträgen als Zusammenfassung eines Gemeindeabends zur Einleitung der Weltgebetsoktav für die Einheit der Christen im Jänner 2002 kurz erklärt werden:
Geschichte:
Wenn wir uns eine Landkarte um 100 n. Chr.
anschauen, d.h. ungefähr zu der Zeit, als das Johannesevangelium geschrieben
wurde, gehörte Kleinasien neben Palästina zu den Kerngebieten des Christentums.
Kleinasien entspricht ja in etwa der heutigen Türkei.
|
|
Die ersten Nicht-Juden, die in größerer Zahl
das Christentum in Einzelbekehrungen annahmen, waren Syrer, die nördlich von
Palästina lebten. Für uns Christen hat das bis heute eine sehr große
Bedeutung, da die historisch am ältesten erhaltenen Originaltexte syrisch
sind, obwohl das Neue Testament ursprünglich in Griechisch geschrieben wurde. |
|
Die
Kirche des Konzils von Konstantinopel: |
|
Auf einer Landkarte, die die Situation von ungefähr
300 n. Chr. für unser Gebiet zeigt, sehen wir schon drei Zentren: Das westliche
Kleinasien um Ephesus, Armenien und Syrien. Es sind die Herkunftsgebiete der
einheimischen Kirchen der Türkei:
Kleinasien als Erbe der
Verkündigung des Apostel Paulus hat sich zur Byzantinischen Kirche und dann
weiter zur heutigen griechisch-orthodoxen Kirche entwickelt.
Armenien hatte 301 als erstes
Volk das Christentum angenommen, indem König Tiridates III. von Gregor dem
Erleuchter getauft wurde. Die zweite Kulturleistung in diesem Zusammenhang war
der Theologe Mesrop Maschtoz, der für die Bibel und die liturgischen Bücher die
armenische Schrift entwickelte, indem er aus den ihm bekannten christlichen
Schriften, der griechischen und der syrischen, Anleihen nahm.
Syrien war durch
Einzelbekehrungen mehrheitlich christlich geworden und hatte schon seine ersten
großen Klöster gebildet. Heute ist uns dieses Kerngebiet als der Tur Abdin
bekannt. Dort finden sich auch heute noch historische Schätze wie Evangeliare
und liturgische Bücher, Kirchen und Klöster. Bedeutend ist aber auch die
liturgische aramäischen Sprache. Es ist dies eine semitische Sprache, die auch
Jesus gesprochen hat.
|
Das, was aber die Kirchen der damaligen Zeit
sehr beschäftigt hat, war die Entwicklung der Christologie. Die ersten
Konzilien hatten immer zum Thema, wie Jesus definiert werden solle. Die
beiden ersten Konzilien (Nizäa 325 und Konstantinopel 381) beschäftigten sich
mit dem Glauben an den dreifaltigen Gott, wie er dann auch im „Nizäno-Konstantinopolitanischen
Glaubensbekenntnis“, das wir auch das „große“ nennen, formuliert wurde. Bis
heute ist dieser Text einer der verbindenden Texte der gesamten Christenheit,
weil es noch keine offizielle Spaltung gab. Es gab aber schon verschiedene
theologische Schulen, die einander auch bekämpften. Um 320 war dann die Konstantinische Wende. Das
Christentum wurde die römische Staatsreligion und so fühlte sich der Staat
auch für die Verteidigung des Glaubens verantwortlich. Damit gab es für die Christen nun eine
doppelte Grenze: Schon zuvor hatte es die politische Grenze des römischen
Reiches gegeben, aber jetzt fühlte sich das Kaiserreich auch offiziell als
Schutzmacht für das Christentum zuständig. |
Schon zum 1. Konzil in Nizäa (dem heutigen
Iznik) hatte 325 Kaiser Konstantin eingeladen, um Frieden unter den
zerstrittenen Schulen (gegen Arius, der betonte, dass der Sohn dem Vater
unterzuordnen sei) wiederherzustellen. So geriet das Christentum immer stärker
unter den Einfluss des Staates.
Dazu kamen weitere innertheologische
Streitigkeiten, die oft an der Gestalt des Bischofs Nestorius deutlich gemacht
werden, der Maria als nur Christus-, nicht aber Gottesgebärerin ansah, was
wiederum heißt, dass in seinem Verständnis die beiden Naturen Jesu, die
göttliche und die menschliche, wie durch eine Kluft getrennt waren. Das Konzil
von Ephesus entschied sich 432 für den Begriff „Gottesgebärerin“, weil Jesus
wahrer Mensch und wahrer Gott ist.
Im Gegensatz dazu standen die Monophysiten, die
die göttliche Natur Jesu Christi auf Kosten der menschlichen so betonten, dass
sie vergöttlicht wurde.
Diese Probleme im Streit der Theologien sollten
auf dem Konzil von Chalcedon (dem heutigen Kadiköy) 451 gelöst werden. Aber
zweierlei hatte sich getan:
Die sogenannten „Nestorianer“ hatten sich in den
Osten zurückgezogen, d.h. die Christen, die sich auf die Apostel Thomas und
Thaddäus bezogen, waren die Kirche Ostsyriens und Persiens (bis hin zu den
Thomaschristen in Indien) geworden. Sie fühlten sich als eigene nationale
Kirche unter der politischen Oberhoheit Persiens (seit 424). Um nicht in Streit
mit ihren politischen Herren zu kommen, mussten sie sogar 486 offiziell die
nestorianische Lehre annehmen, um nicht in ihrem Gebiet als staatsfeindlich
dargestellt zu werden. Auf diesem Hintergrund konnten sie dann auch nicht mehr
am 4. Konzil von Chalcedon teilnehmen, da zwischen ihnen und den anderen
Christen die Grenze des römischen und des persischen Reiches lag. Damit war es
zu einer ersten Trennung gekommen.
Ein Teil der dieser ostsyrischen Gläubigen ging
im 16. Jahrhundert eine Union mit Rom ein, unter Beibehaltung des syrischen
Ritus und so entstand die unierte Chaldäische
Kirche mit dem Sitz des Patriarchats in Bagdad/Irak.
Die heutige syrisch-orthodoxe
Kirche des Ostens hat sich nach komplizierten geschichtlichen Entwicklungen
in zwei Patriarchate gespalten: Der Sitz der assyrischen Kirche des Ostens
wurde 1995 in die USA verlegt. Die alte Kirche des Ostens hat ihren Sitz in
Bagdad im Irak. 1994 wurde die seit 486 bestehende offizielle Trennung zwischen
der alten Kirche des Perserreiches und der katholischen Kirche aufgehoben.
Im westsyrischen Bereich wurde 397 dem syrischen
Mönchtum im Tur Abdin eine kaiserliche Schenkung zuteil, das heutige Kloster Mor
Gabriel. Der Hintergrund war wahrscheinlich der Vertrag von 363, durch den
Gebiete im Süden und Osten des Tur Abdin an das Perserreich abgetreten wurden.
So sollte wohl der Tur Abdin zum Bollwerk gegen die Perser werden, einerseits
als gottgefälliger Ort, andererseits aber doch auch als handfeste Burg. Im
Umfeld entstanden dann noch weitere Klöster. Dann hörten die Schenkungen auf,
da sich diese Gruppe von der Reichskirche entfernte. Die Westsyrische Kirche,
die manchmal auch Jakobitenkirche (nach einem bedeutsamen Bischof) genannt
wird, erkannte die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon nicht mehr an. Oft
werden die Westsyrer deshalb auch Monophysiten genannt, obwohl sie sich selber
nicht als solche verstehen, da sie damals lediglich frei von der Reichskirche
von Byzanz sein wollten. Diese Syrisch-orthodoxe
Kirche des Westens hat ihren Patriarchensitz nominell in Antiochien
(Antakya/Türkei), der Patriarch lebt in Damaskus.
![]() |
Ähnlich verlief die Entwicklung der Armenisch-Apostolischen Kirche, die
seit Beginn eine Nationalkirche war. Die Armenier wurden zwar auch Monophysiten
genannt, hatten aber eigentlich ebenfalls eine politische Trennung hinter sich,
da sie zuerst ein eigenständiges Königreich außerhalb des römischen Reiches
waren und dann unter die Herrschaft des Perserreiches kamen, also nicht unter
der Iurisdiktion von Rom oder Byzanz standen, und sich deshalb seit dem Konzil
von Ephesus eigenständig entwickelten. Von beiden Gruppen gibt es seit dem 17.
Jahrhundert je eine mit Rom unierte Kirche: die Syrisch-katholische Kirche und die Armenisch-katholische Kirche, die also einen jeweils eigenständigen
Ritus hat, aber unter der Oberhoheit des Papstes in Rom steht. Diese unierten
Kirchen entstanden aus einem anderen Einheitsverständnis einer früheren Zeit. Die
Mutterkirchen des Ostens sehen ihre Existenz sehr kritisch, sie sind für die
Kirche Roms aber auch ein Zeichen der Vielfalt des Glaubens. |
und Papst Paul VI 1965 |
Die Byzantinische Reichskirche hatte sich immer
mehr unter dem Schutz des Staates entwickelt, bis schließlich die großen
Spannungen zwischen Ost- und Westrom eskalierten. Die kirchlichen Vertreter von
Byzanz und Rom waren auch Kinder ihrer Zeit, so dass eigentlich nur ein Tropfen
das Fass zum Überlaufen brachte. Kirchenhistoriker sagen, dass die
Exkommunikationsbullen von 1054 sich auf einzelne Persönlichkeiten beziehen,
doch der Trennungsschnitt war damit gemacht. Das war das traurige Ende der
Gemeinschaft der östlichen und der westlichen Christen, also von Byzanz und
Rom.
Auch wenn der gegenseitige Bann am Ende des II.
Vatikanischen Konzils aufgehoben wurde, haben sich zwei sehr eigenständige
Kirchenfamilien entwickelt: die orthodoxen Kirchen mit dem
griechisch-orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel als Ehrenoberhaupt, darum
der Ehrentitel „Ökumenischer Patriarch“, und die katholische Kirche mit dem
Bischof von Rom als Oberhaupt, dem Papst.
Die orthodoxe Kirche entwickelte sich immer
weiter zu einem autokephalen Nationalkirchensystem, wie es die griechisch-orthodoxe Kirche, die russisch-orthodoxe Kirche oder die bulgarisch-orthodoxe Kirche sind, die
sich alle heute in der Türkei finden. Sie trennten sich jeweils von ihrer
Mutterkirche, sobald sie aus sich heraus lebensfähig waren. Das waren
allerdings nicht immer friedliche Vorgänge.Im Gebiet um Antakya leben arabisch
sprechende Gläubige des orthodoxen Patriarchates von Antiochien, die nicht dem
Ökumenischen Patriarchen in Istanbul zugeordnet sind.
Die römisch-katholische
Kirche, wie sie sich heute in der Türkei findet, war durch Handelsleute wie
die Genuesen oder durch politische Kontakte (Gesandtschaften) nach
Konstantinopel gekommen. Sie war die Kirchengemeinschaft der sogenannten
„Levantiner“, aber auch immer der Ausländer. Diese historische Entwicklung ist
auch der Grund für die noch immer bestehende Bedeutung des Französischen als
lateinische Kirchensprache, das erst in den letzten Jahren langsam durch das
Türkische ersetzt wird.
Ähnlich kamen die Kirchen der Reformation nach
Istanbul. Deren Geschichte ist uns Mitteleuropäern eher aus dem
Geschichteunterricht bekannt:
Auf Martin Luther führt sich seit der
Reformation die Evangelisch-lutherische
Kirche zurück; Heinrich VIII. sagte sich von Rom los und begründete so die Anglikanische Kirche; die Presbyterianische Kirche ist eine
Weiterentwicklung dieser beiden Kirchen in den USA.
All diese Kirchen finden sich in der heutigen
Türkei, deren gegenwärtige Situation in der kommenden Ausgabe des St.
Georgs-Blattes kurz beschrieben wird.
Elisabeth Dörler